
von Florian Schiel

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Ich überarbeite gerade die Fragen für die diesjährige Zwischenprüfung
- ein paar unlösbare Aufgabenstellungen zeigen doch erst, was in den
Studenten WIRKLICH steckt - als plötzlich ein ungewohntes
Verlangen in mir aufsteigt. Ich nehme die Finger von der Tastatur und
überlege. Wieso möchte ich auf einmal aus heiterem Himmel den
verschollen geglaubten Schlüssel zum Kaffeeraum zurückgeben? Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, meinen spontanen Regungen nicht sofort nachzugeben, sondern diese zunächst gründlichst zu analysieren. Also gehe ich stracks in die Bibliothek und bewaffne mich mit einschlägiger Literatur. Zwei Stunden später steht die Sache fest: Ganz zweifellos leide ich an einem akuten Anfall von galoppierenden Altruismus in Verbindung mit beginnender Saulus-Paulus-Neurose. Die meisten Autoren warnen vor der Möglichkeit, daß die Sache chronisch bzw. irreparabel wird! Bedauerlicherweise wird kein Gegenmittel genannt. Ich muß also improvisieren.
Kurz darauf verläßt die Bibliothekarin den Raum, um mit ihren
Kolleginnen im Sekretariat zu ratschen. Ich schnappe mir die fünf
sorgfältig sortierten Karteikartenstapel auf ihren Schreibtisch und hebe
jeweils die obersten zehn Karten ab. Den Rest mische ich gründlich
durch - ich hätte als Croupier Karriere machen sollen! - und verteile sie
wieder auf die fünf Stapel. Oberflächlich betrachtet, schaut noch alles
ganz in Ordnung aus. Ich räume noch in zwei Regalen die Bücher um,
so daß die 'Reden Platons' jetzt unter 'Tensormathematik' zu finden
sind, und verteile meinen ausgelutschten Kaugummi gleichmäßig über
die Lesesessel.
Jetzt fühle ich mich etwas besser. Ich kann sogar am Sekretariat
vorbeigehen, ohne an den Kaffeeraum-Schlüssel zu denken. Um ganz
sicher zu gehen, drehe ich auf dem Rückweg in mein Büro jede dritte
Leuchtstoffröhre in ihrem Sockel um 90 Grad, so daß sie erlischt. Es
ist immer wieder ein Vergnügen, unseren kleinen dicken Hausmeister
zu beobachten, wenn er schwitzend wie ein Affe auf seiner Aluleiter
hockt und einen Wutanfall nach dem anderen bekommt.
Zurück in meinem Büro rufe ich die Haustechnik an und mache den
Leuten Dampf. Ich weiß sowieso, daß die um diese Zeit nichts tun als
Kaffee zu trinken und die Abendzeitung von vorne bis hinten
durchzulesen. Es sei ein Skandal, sage ich empört, hier oben müsse
man sich im Dunkeln seinen Weg suchen. Ich knalle den Hörer auf die
Gabel und wende mich wieder meiner eigentlichen Aufgabe heute zu.
"Wichtiger Hinweis:
Lösen Sie zunächst Aufgabe 1 a und d, anschließend 4 e, f und a. Durch geschickte Kombination der Ergebnisse aus 4 a und 1 d sowie von 1 a und 4 f können Sie bei der anschließenden Lösung von Aufgabe 2 sofort mit Teil c beginnen. Vorteilhaft ist dann vor der Bearbeitung von 3 a, b und f die Aufgabe 1 b und c zu lösen. Die Ergebnisse letzterer werden zwar erst in 5 c benötigt, aber wegen der recht knapp bemessenen Prüfungszeit sollten Sie nicht unnötig oft die Aufgabenstellung wechseln. Lösen Sie nun die restlichen Aufgaben in beliebiger Reihenfolge. Beachten Sie aber, daß 3 c auf keinen Fall vor 6 a und 6 c idealerweise vor 4 a gelöst werden sollte. Viel Erfolg!"
Ich drucke die Prüfungsblätter aus und schicke sie gleich in den
Kopierladen, damit der Chef sie vor der Prüfung nicht mehr zu Gesicht
bekommt. Der Chef ist da viel zu lasch; nur geforderte Studenten
können zeigen, was sie können!
Inzwischen ist es spät geworden und ich schlendere hinüber in den
Hörsaal. Dort warten bereits 30 Studenten seit einer halben Stunde auf
mein Hauptseminar. Überlebensregel Nummer 14: Niemals pünktlich
zu seinen Lehrveranstaltungen erscheinen. Dozenten, die pünktlich
kommen, sind nicht WIRKLICH wichtige Leute. Das lernt jeder
Student schon im ersten Semester. Während ich nach vorne zur Tafel
gehe, spüre ich negative Schwingungen im Raum und höre gemurmelte
Worte wie 'Zeitverschwendung' und 'immer zu spät'.
Das würde Sie nur bei Ihrer Vorbereitung stören. Außerdem ist dann die ganze Spannung weg." Da ich keine Lust hatte mich vorzubereiten, werfe ich rasch einige Formeln auf die Tafel und murmele kaum hörbar etwas von
trigonometrisches Konvergenzkriterium unter Annahme der Retrokontraktibilität der angegliederten Tensormatrix mit Pi hoch Theta gegen Null..."
Als die Tafel halb voll ist drehe ich mich um und frage mit scharfer
Stimme, ob noch jemand zu diesem trivialen Thema Fragen hat.
Es ist drei Uhr. Beschwingt schließe ich mein Büro heute etwas früher
ab als sonst. Auf dem Weg nach draußen begegnet mir der Chef. Er schaut mich an; ich schaue ihn an. Statt zu sagen, es sei noch etwas früh am Tage, wünscht er mir ein schönes Wochenende. hat sich DOCH gelohnt!
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