
von Florian Schiel

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Zu den weniger angenehmen Pflichten, denen sich auch ein BAFH
nicht ganz entziehen kann, gehört die Korrektur von Diplomarbeiten. Gegenwärtig liegen drei dieser Dinger in verschieden ausgeprägten Stadien des natürlichen Zerfalls auf meinem überlasteten Schreibtisch. Ich nehme die unterste zur Hand und blase die Staubschicht weg, so daß ich den Titel lesen kann.
Ich hole meinen schwarzen Würfel aus der Schublade und werfe eine
4.
Apropos Einband: ich bemerke, daß ich keine Büroklammern mehr
habe, mit denen ich immer die Schlösser der Büros im ersten Stock
verstopfe, wenn ich zur Cafete hinuntergehe. Also gehe ich ins
Sekretariat und, da es wie üblich leer steht, bediene ich mich selber aus
dem Büromaterialschrank der Sekretärinnen. Plötzlich krächzt es
einmal leise aber deutlich hinter meinem Rücken und wie aus dem
Nichts erscheint die neue Sekretärin. Sie wirft mir einen vernichtenden
Blick zu und schließt, ohne ein Wort zu sagen, betont langsam den
Materialschrank vor meiner Nase ab. Der Rabe in seinem
messingfarbenem Käfig betrachtet mich hämisch, mit halb geöffneten
Schnabel.
Ich überlege einen Moment. Dann erkläre ich Frau Bezelmann und
ihrem Raben, der interessiert den Kopf auf die Seite legt, was man mit
einfachen Büroklammern alles machen kann. Die BSFH schaut mich
einen Moment lang stumm an, dann verziehen sich ihre Mundwinkel
noch eine Idee weiter nach unten und sie sperrt den Schrank wieder
auf.
Als ich mit den Taschen voller Büroklammern zu meinem Büro
zurückkomme, werde ich bereits sehnlichst erwartet. Ein Diplomand
tritt vor meiner Türe aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Das
umfangreiche Paket unter seinem Arm läßt mich Böses ahnen.
"Sind Sie sicher, daß Sie sie jetzt schon abgeben wollen?" seufze ich. "Wollen Sie sich 's nicht nochmal anschauen?"
Ich nehme ihm den dicken Packen Papier aus den zitternden Händen
und sage freundlich:
"W-w-w-was?" blubbert er fassungslos.
ich meine... das kann doch nicht sein..." "Für alles gibt es eine wissenschaftliche Erklärung", sage ich streng und lege konzentriert die Fingerspitzen aufeinander. "Sie haben das Manuskript erst heute ausgedruckt?" "Gestern", sagt er und schluckt mühsam. "160 Seiten, auf meinem Laserdrucker..." "Aha, gestern sagen Sie? Ja, hören Sie denn kein Radio, mein Bester? Sagen Sie bloß, Sie haben nichts von den verlagerten Nordlichtern gehört, die letzte Nacht in Mitteleuropa gesichtet worden sind?" "Äh..." "Aber daß starke ionisierende Strahlung Pigmente zersetzen kann, wissen Sie ja wohl noch aus Ihren physikalischen Praktikum, nicht?" "Äh, ja..." "So wie eine Zeitung in der Sonne innerhalb kürzester Zeit ausbleicht, nicht wahr? Nur daß letzte Nacht die ionisierte Korpuskelstrahlung der Sonne mindesten 6 Größenordnungen stärker war als normales Sonnenlicht. Sicher ist es Ihnen nicht aufgefallen, weil Sie so mit Ihrer Arbeit beschäftigt waren, aber heute morgen sind keine Zeitungen ausgeliefert worden, weil sich die Druckerschwärze bei so starker Strahlung nur wenige Stunden halten würde. Das Verschwinden Ihres Textes ist also leicht erklärbar." "Ah, ja", sagt er erleichtert. Wenn er wüßte, daß er soeben um zwei Notenstufen abgesackt ist! "Aber was viel schlimmer ist", fahre ich fort, "die Korpuskelstrahlung wirkt sich auch negativ auf magnetisch stationäre Felder aus. Daher auch die Empfehlungen der Astrophysiker gestern, alle PCs mit absorbierenden Stahlplatten zu belegen. Ich hoffe sehr, Sie haben das beherzigt."
Ich atme befreit auf. Wer hat gesagt, morgen ist auch noch ein Tag? Ich mache für heute Schluß und hänge meinen Schutzschild raus. Auf dem Weg nach draußen lasse ich das Manuskript unauffällig in den Reißwolf fallen.
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