Bastard Buerohengst from the hell (4) Karl Jahn LOGISTIK Der bösartig, pathologische Bueroneurotiker ist wieder am Werk. Duester umwoelkt ist heute der Himmel, stets duester umwoelkt sind die Gedanken hinter der Stirn des Bastard Buerohengstes. Donnerstag. Ein trueber, verregneter Vormittag. Friedlich trommelt der Regen auf das Fensterblech im 3. Stock des Buerogebaeudes und gluckert die loechrige Dachrinne hinunter. Dieses Geraeusch wirkt immer anregend auf meinen urulogischen Koerperbereich, aber ich kann ja nicht staendig rennen, schliesslich gibt es viel zu tun. Trotz meiner mannigfaltigen Pflichten werfe ich einen Blick aus dem Fenster und beobachte die Blasen, die der platschende Regen auf dem schwarzen Asphalt hinterlaesst. Ich entspanne mich bei dieser lehrreichen Naturbeobachtung. Ein beruhigendes, wenn auch etwas abwechslungsarmes Schauspiel. Gerade faehrt ein grosser LKW in unseren Fabrikhof ein, der eine Ladung Rohstahl bringt. Er haelt vor unserem Wareneingang. Ich beobachte neugierig, was jetzt geschieht. Seit letzter Woche haben wir unseren Materialfluss total automatisiert. Ein neuer Rechner steuert das gesamte Logistiksystem vom Wareneingang bis zum Versand. Der LKW haelt neben der Laderampe, ein Sensor uebermittelt dem Logistikrechner, dass jemand begehrt Ware abzuladen. Der Fahrer oeffnet seine Wagentuere zur Haelfte und mustert eine Weile den grauen Himmel und den stroemenden Regen, dann steigt er missmutig aus. Anscheinend kein Regenfan. Er schlaegt die Plane von der Ladeflaeche zurueck und wartet auf den Haengekran, der sich wie von Geisterhand bewegt ueber den LKW bewegt. Der Fahrer steigt auf die Ladeflaeche und befestigt den Kranhaken an dem Stahlbuendel. Ein automatisch gesteuerter Gabelstapler kommt aus der Halle gefahren und parkt neben dem LKW. Der Kran hebt die Ladung vom LKW, legt dem Gabelstapler die Stahlstangen auf die Gabel und klappt sich danach selbstaendig wieder ein. Der Gabelstapler setzt sich in Bewegung und faehrt in die Lagerhalle. Der anliefernde Chauffeur muss noch die Begleitpapiere in einen Leseautomaten an der Wand des Wareneingangs stecken und kann dann wieder abfahren. Ja, sieht ganz pfiffig aus. Als verantwortungsbewusster und mitdenkender Mitarbeiter interessiert mich die Stoeranfaelligkeit dieses Systems. Schliesslich koennte durch einen Fehler in diesem Logistigkrechner ein ernsthafter Schaden fuer unser Unternehmen drohen. Ich gehe zurueck zu meinem Arbeitsplatz und logge mich in den Logistkrechner ein. In ordentlichen Spalten erscheinen auf dem Bildschirm alle Waren die heute zugegangen sind. Die eben angelieferte Fuhre Stahl ist auch schon aufgefuehrt. 300 kg 42CRNIMOS4V sind gerade auf dem Weg in das Hochlager. Ich schalte das Logistiksystem auf Nothandsteuerung um und erhoehe die Zugangsmenge um drei Nullen, dann stelle ich das System wieder auf Automatik. Wollen doch mal sehen. Es ist an der Zeit fuer meinen Betriebsrundgang, den ich taeglich zur Informationsbeschaffung vornehme. Ich nehme wie immer den kuerzesten Weg in die Produktionshalle und der fuehrt durch die Lackiererei. Die Lackiererei kann man nur durch eine staehlerne, selbstschliessende Feuerschutztuere betreten und am anderen Ende wieder durch eine ebensolche verlassen. Mich nervt es immer, dass diese Tueren geschlossen sind. Jedesmal wenn ich hier vorbeikomme muss ich die Haende aus den Taschen nehmen, um diese Tueren zu oeffnen. Um anderen Mitarbeiter dieses UEbel zu ersparen stelle ich einen geoeffneten Kuebel Nitrolack so in die Tuere, dass diese sich nicht mehr schliessen kann. Das gleiche auf der anderen Seite. Was das wieder Zeit spart und die Produktivitaet erhoeht! Und ich bekomme dafuer nicht einmal eine Belohnung. Beim Betreten der Produktionshalle stolpere ich erst einmal ueber eine Palette mit Bauteilen. Schlamperei! Wer hat das Ding denn genau vor die Tuer gestellt. Ich sehe mich in der Halle um und wundere mich ueber die Berge von Paletten und Gitterboxen, die ueberall unsystematisch herumstehen. Eine ganzes Rudel automatisch gesteuerter Gabelstapler faehrt kreuz und quer durch die Halle und transportiert Teile nach einem undurchsichtigen Plan. In einigen Gitterboxen, die von den Staplern durch die Gegend gekarrt werden, stehen wild fuchtelnd und um Hilfe rufend Mitarbeiter. Einige von ihnen bearbeiten die Automatikgabelstapler wuetend und scheinbar verzweifelt mit Haemmern. Insgesamt erinnert das Bild an den Strassenverkehr zur Hauptverkehrszeit in Kairo. Das Personal schwirrt umher wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm. Scheint irgendein Problem zu geben. Dort hinten sehe ich den Schorsch. Er ist unser Produktionsleiter. Im Augenblick hat Schorsch´s Kopf die Faerbung eines radioaktiv bestrahlten Rubins, in seinen Augen flackert panische Hysterie. "Morgen, Schorsch." "Was willst", fragt er mit ueberschlagender Stimme. "Gibt es Probleme?" "Das gottverdammte neue Logistiksystem spinnt. Aus irgendeinem Grund hat das Ding ploetzlich angefangen das gesamte Lager zu raeumen und faehrt saemtliche Bestaende in die Werkstatt." Niemand kennt den Grund? Ich bewundere die Konsequenz des Logistikrechners. Er braucht Platz fuer die Stahllieferung von 300000 kg und transportiert deshalb alle Bauteile, die in den naechsten drei Monaten sowieso gebraucht werden in die Werkstatt. Doch, doch der Programmablauf ist schon durchdacht. Schorsch hetzt einem der automatischen Gabelstapler hinterher, greift ihn von hinten und versucht ihn aufzuhalten. Der Stapler faehrt aber unbeeindruckt mit Schorsch im Schlepptau weiter. Die Hilfslosigkeit meiner Kollegen laesst mich an der Qualitaet der Schulungsprogramme zweifeln. Ich will den Burschen helfen und gehe zum Ende der Produktionshalle, wo das Terminal steht an dem die fertigestellten Auftraege abgemeldet werden. Der hier taetige Mitarbeiter duelliert sich ebenfalls gerade mit einem Automatikgabelstapler, sodass sein Arbeitsplatz verwaist ist. Um ihm zu helfen, melde ich die Auftraege der naechsten drei Monate vorsorglich fertig. Das sollte unser Problem in einigen Stunden loesen, weil das Logistiksystem jetzt automatisch die Speditionen benachrichtigt, um die Waren abzutransportieren. Das wird wieder Platz, Ruhe und Ordnung schaffen. So einfach ist das. Nun geht es mir in dieser Halle doch ein wenig zu hektisch und unkoordiniert zu und da ich ein sehr harmoniebeduerftiger Mensch bin, beschliesse ich die Halle zu verlassen. Ich springe in wahren Kaenguruhspruengen zwischen den wild gewordenen Staplern hindurch, deren Hauptstossrichtung sich seit meiner Fertigmeldeaktion deutlich Richtung Versandrampe verlagert hat. Gerade versuchen sie die halbfertigen oder gar nicht bearbeiteten Bauteile versandgerecht zu verpacken und zur Verladerampe zu verbringen. Schorsch hat einen kurzen Moment aufgeatmet als der Drang der Stapler das Hochlager zu leeren etwas nachliess, aber er bekommt sofort wieder seine rubinrote Gesichtfarbe als er bemerkt, dass sich die Stapler daran machen die Rohteile und Halbfarikate zu versenden. Wieder jagt er den Staplern hinterher und versucht ihnen die unfertigen Werkstuecke zu entreissen. Ich verlasse die Halle und bleibe einige Sekunden im Regen stehen. Ach, ist das friedlich! Nur der melancholische Anblick des schwarzen Asphalts unserer Transportwege legt sich ein wenig auf mein Gemuet. Aber ich weiss auch da Abhilfe. Ich gehe trotz des Regens zu unserer Sondermuellsammelstelle und suche das Fass mit den oelgetraenkten Putzlappen. Unsere Arbeiter sind inzwischen schon fast so grosse Buerokraten, wie die Angestellten in der Reisekosteabrechnungsabteilung. Fein saeuberlich bringen sie ihre Putzlappen in das Fass mit dem doppelten Sicherheitsboden. Mit spitzen Fingern greife ich mir ein paar der Lappen und breite sie quer ueber die Strasse vor der Produktionshalle aus. Ein paar Sekunden beobachte ich noch wie der Regen die Lappen durchweicht und sich nach und nach herrlich bunte Rinnsale aufmachen, unseren Hof zu durchqueren. Huebsch!. Ich gehe zurueck in mein Buero; dabei nehme ich den Weg aussen um die Produktionshalle herum; innen ist es mir zu hektisch. Zurueck in meinem Buero koche ich erst einmal einen Darjeeling FTGOP und stecke mir eine Zigarre an. Beim Weg in die Teekueche bemerke ich bei einem Blick ins Frauenhaus eine Reihe von Hinterteilen von unterschiedlicher Groesse und Formung, die sich mir entgegenstrecken. Die Sekretaerinnen Nr 4, 6, 7 haben das Fenster trotz des anhaltenden Regens geoeffnet und lehnen ueber den Fensersims. Netter Anblick. Sie kommentieren irgendwelche Geschehnisse auf dem Hof sehr aufgeregt. Immer am Betriebsgeschehen interessiert stelle ich mich dazu. Unten auf dem Hof laufen herrlich bunte Schlieren ueber den Asphalt. Ein malerischer Anblick. Sicher steigt die Produktivitaet der Angestellten, weil dieser Anblick wesentlich positiver auf das Gemuet wirkt als der schwarze, demoralisierende Asphalt. Etwas ueber Farblehre muss jede Fuehrunggskraft wissen. Jede der Sekretaerinnen sucht sich ihre Liebslingsstelle auf dem Asphalt aus, wo sich ihrer Meinung nach die schoenste Faerbung gebildet hat. Es bildet sich eine angeregte Diskussion, wer denn nun den schoensten OElfleck entdeckt haette. In diesem Moment ertoent ein Sirenensignal und mehrere blaue Blinklichter auf den nassen Gebaeudedaechern beginngen zu kreiseln. OElalarm! Pech fuer Schorsch, den Kapitaen unserer Werksfeuerwehr, dass er ausgerechnet jetzt so sehr beschaeftigt ist. Vor unserer Verladerampe hat sich eine lange Schlange von LKWs der Speditionen gebildet, die das Logistiksystem automatisch geordert hat, um die von mir fertiggemeldete Ware abzuholen. Ich sehe auf der Rampe Schorsch im wilden Duell mit automatischen Staplern und den Fahrern der Speditionen, die die unfertigen Waren einladen moechten. Doch, doch die Logik in diesem neuen Logistiksystem ist durchaus nachvollziehbar. Vielleicht sollte der Hersteller noch ein paar kleinere Korrekturen an den Sicherheitsroutinen durchfuehren. Copyright 1996 Karl.Jahn@t-online.de